![]() |
| Taksim Platz am frühen Morgen |
Beim Überqueren des Platzes faszinieren mich die grünen Ampelmännchen, die nicht starr wie bei uns aus ihrem Ampelkasten leuchten, sondern in gleichmäßigem Tempo auf der Stelle vor sich hinlaufen. Die Istanbuler scheint das wenig zu interessieren, wie auch sonst die Verkehrszeichen, Schilder und Regeln. „Wir fahren einfach nach Gefühl. Wenn jeder auf seinen Vordermann achtet, passiert auch nichts“, erklärt uns am nächsten Tag unsere Reiseleiterin Zimi bei der Stadtführung. „Das Reißverschlussverfahren funktioniert hier besonders gut.“ Natürlich. Die dreispurige Fahrbahn ist ja eigentlich sowieso auch breit genug für vier Autos. Als ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene hinter uns auftaucht meint sie nur trocken: „Der will wohl hier durch, aber daraus wird nichts.“ Dass die Strafen und Kontrollen im Straßenverkehr in letzter Zeit verschärft wurden, ändert am halsbrecherischen Fahrverhalten der Istanbuler auch rein gar nichts. Dann kriegt man halt mal ein nettes Foto nach Hause geschickt.
Istanbul in drei Tagen sieht nicht nach Entspannungsurlaub aus, erst Recht nicht bei diesem ungemütlichen Wetter. Nach einem Umweg durch die kleinen verschachtelten Gassen und Nebenstraßen der Istiklal Caddesi endlich im Hostel angekommen ist uns eigentlich mehr nach einem heißen Tee und einem Nickerchen als nach einer Erkundungstour durch die Millionenmetropole. Trotzdem fahren wir mit der Tünel-Bahn und der Tram vom Taksim runter auf die andere Seite des Goldenen Horns in die historische Altstadt. Bei schönem Wetter muss die Stadt umwerfend sein, wenn der Blick über den Bosporus auf die Hügel des asiatischen Istanbuls reicht und die Angler auf der Galatabrücke keine Regenmäntel brauchen. Jetzt kann man kaum den Berg hochgucken, auf dem die Süleymaniye Moschee steht, und Asien ist nur ein dunkelgrauer schwammiger Streifen am regengrauen Horizont.
![]() |
| Blick auf die historische Altstadt mit Galatabrücke und Süleymaniye Moschee |
Der etwas orientalisch-märchenhaften Vorstellung, die ich immer von Istanbul hatte, wird die Stadt dennoch gerecht. Aus den Hügeln zwischen Bosporus, Goldenem Horn und Marmarameer ragen unzählige Kuppeln und Minarette empor. Die Häuser dazwischen sind bunt und so unterschiedlich wie ihre Bewohner. Eine farbenfrohe Mischung aus weltoffenen, religiösen, alteingesessenen, zugereisten, eingewanderten freundlichen Menschen, die ihr Leben im modernen und gleichzeitig geschichtsträchtigen Istanbul durchweg zu genießen scheinen. (Sofern man das innerhalb so kurzer Zeit zu beurteilen vermag.)


Mein erster Streifzug führt mich von Eminönü an der Galatabrücke entlang der „Uferstraße“ in Richtung Atatürkbrücke, die beide das Goldene Horn überspannen und so die historische Altstadt, die früher einmal Konstantinopel war, mit der alten Neustadt inklusive Szeneviertel Beyoğlu und Taksim Platz verbinden. Vom Ufer selbst ist nichts zu sehen, aber ich bekomme einen guten Eindruck der Stadt jenseits der touristischen Anziehungspunkte und Sehenswürdigkeiten. Alte, teilweise halb zerfallene Holzhäuser säumen die engen Gassen, in denen kleine vollgestopfte Fachgeschäfte für Töpfe, billige Teppiche und Anglerbedarf bis auf den Bürgersteig überquellen. Für mich hat diese Seite Istanbuls ihren eigenen und besonderen Charme. Und trotz der heruntergekommenen Häuser sind die Straßen sauber und die Verkäufer herzlich, ohne diese aufdringliche Art wie man sie sonst von orientalischen Märkten her kennt. Mir ist gleich aufgefallen, dass Istanbul einen ganz eigenen Geruch hat. Die Stadt stinkt nicht, weder nach verbranntem Müll und Taubendreck noch nach undefinierbaren Dämpfen, die aus irgendwelchen unsauberen Küchen herrühren. Sie riecht nach gerösteten Maronen, nach Lebenslust und am Ufer nach frischem Fisch.

