| Kräne am Umschlagplatz im Hafen von Haifa |
Haifa führt uns in wieder eine andere Zeit, in wieder eine andere Welt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie facettenreich das Heilige Land ist. Man braucht sich nur für eine halbe Stunde in den Bus setzen und schon hat sich alles um einen herum verändert. Kein Ort gleicht hier dem anderen, obwohl das Land verglichen mit dem Rest der Welt doch so klein ist. Als wir aussteigen, stehen wir auf dem Bahnhofsgelände, gleich neben dem großen Hafen. Durch das Industriegebiet sind wir schon gefahren, Haifa ist die israelische Stadt der Arbeit.
Sie bringt uns zurück ins 19. Jahrhundert. Genauer gesagt in die Jahre ab 1869, in denen die Templer eine Siedlung in Haifa – damals außerhalb der Stadtmauern – gründeten. Die Häuser gibt es heute noch und das Viertel heißt German Colony. Die Templer im Heiligen Land wurden häufig auch Palästinadeutsche genannt. Sie, Mitglieder der süddeutschen Tempelgesellschaft, hatten sich im Juni 1861 aus einer pietistischen Bewegung innerhalb der lutherischen Kirche in Württemberg heraus gegründet, die 1859 aus der Landeskirche ausgeschlossen worden war. Sie verstehen sich als lebendige Bausteine eines Gotteshauses (Tempels), grundlegende Werte sind Gottvertrauen und Nächstenliebe sowie die Pflege christlicher Gemeinschaft. Entsprechend der damaligen Zeit, in der sich viele christliche Vereine zum Erwerb von Boden im Heiligen Land (damals eine Provinz des Osmanischen Reiches) gründeten, war es ihr erklärtes Ziel, nach Palästina auszuwandern. Damit sollte „die Herstellung des Menschen zum Tempel Gottes und die Herstellung des Heiligtums für alle Völker zu Jerusalem“ erreicht werden.
| ehemaliges Templerhaus in der German Colony |
Etwa zur gleichen Zeit entstand aus einer Abspaltung des schiitischen Islam im Iran die Bahai-Religion. Aufgrund von Verfolgungen und Exil gelangte ihr Stifter, Baha’ullah, über die Türkei nach Haifa. Er starb 1892 in Akko (nördlich von Haifa) und machte seinen ältesten Sohn zum Nachfolger als Leiter der Bahai-Gemeinde machte. Auch der Prophet der Bahai, der Bab genannt wurde, liegt in Haifai begraben. Sein Leichnam wurde aus dem Iran überführt, wo er 1850 öffentlich erschossen worden war. Für ihn wurde der „Schrein des Bab“ errichtet, umgeben von prachtvollen, akkurat angelegten Gärten. Ebenfalls in Haifa befindet sich heute der Hauptsitz und das höchste Gremium der Bahai, das sogenannte Universale Haus der Gerechtigkeit.
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| die Bahai-Gärten unterhalb des Bab-Schreins |
Auch wenn die Bahai nicht mehr viel mit dem Islam zu tun haben – eine Gemeinsamkeit finde ich doch recht prägnant. Nämlich der Glaube an eine fortschreitende Offenbarung, die die Religion sozusagen immer wieder „aktualisiert“. Das bedeutet, dass Jesus als Prophet das Judentum erneuert hat (woraus das Christentum entstand), durch Mohammad entstand der Islam, der wiederum durch die Bahai-Religion neu geboren wurde. Alle etwa tausend Jahre erscheint demnach ein neuer Prophet. Der Unterschied zum Islam besteht hier darin, dass im Islam Mohammad der letzte Prophet, also der letzte Offenbarer war, der den endgültig wahren Glauben verbreitet hat. Die Bahai sehen sich nicht als endgültige Religion an, sondern erwarten nach wie vor weitere Propheten Gottes. Eine interessante Vorstellung. Und eigentlich müsste man die Bahai mit berücksichtigen, wenn man von den monotheistischen Weltreligionen spricht. Immerhin gibt es inzwischen etwa 5 bis 8 Millionen Bahai-Anhänger, die ca. 2100 Ethnien angehören und in 189 Staaten leben. Zum Vergleich: Es gibt weltweit 13,3 Millionen Juden, 1,5 Milliarden Muslime und 2,26 Milliarden Christen.
| illegale jüdische Einwanderer im Bauch eines Schiffes |
Der Hafen von Haifa wurde mit der Zeit immer weiter ausgebaut. Da der Hafen in Akko für die neuen großen Schiffe zu klein war, wurde Haifa zur wichtigsten Hafenstadt des Landes. Während der britischen Mandatszeit kamen hier 1936 die ersten Schiffe mit illegalen jüdischen Einwanderern an. Interessantes und auch Erschreckendes über diese Einwanderer haben wir im Clandestine Immigration and Naval Museum erfahren. Erschreckend fand ich nicht nur, dass die Menschen unter unmöglichen Haftbedingungen in irgendwelche Lager nach Zypern verschleppt wurden (die erschreckende Ähnlichkeiten mit den Gefangenenlagern der Nazis hatten, wenn auch ohne Brennöfen und Gaskammern). Viel schlimmer erscheint mir, dass die Engländer die deutschen Juden noch während der 1940er Jahre umgehend und ohne wenn und aber nach Hitler-Deutschland zurück verschifft haben. Meiner Meinung nach haben sie dadurch eine gewisse Mitschuld an der Ermordung der Juden in Deutschland auf sich geladen. Keiner kann mir erzählen, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst haben, was da wirklich vor sich gegangen ist. Die Nazis waren Schweine und bewiesenermaßen kann niemand von sich behaupten, dass er nicht auch mal in so eine schlimme Sache reingeraten könnte (siehe z.B. „Die Welle“). Aber so zu tun, als hätte man die Welt gerettet, obwohl man selber die Juden auch nur loswerden wollte, ist in meinen Augen einfach nur falsch, heuchlerisch und unfassbar.
Vielleicht sind wir Deutschen in diesem Punkt übersensibilisiert. Aber ehrlich gesagt, habe ich lieber eine gewisse Schuld im Hinterkopf und handele so, dass so etwas in Zukunft nicht noch einmal passiert, als dass ich wie Prinz Harry als Nazi verkleidet auf eine Kostümparty marschiere und das auch noch witzig finde.

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