Die Landschaft ist erstaunlich grün, ganz im Gegensatz zu den kahlen Bergen der judäischen Wüste, wenn man nach Norden in Richtung Jerusalem oder Ramallah fährt. Die Straße führt vorbei an Weinbergen und Apfelplantagen, die Weintrauben sind schon reif und hängen satt und dunkel an ihren Reben. Die viele Sonne macht die Trauben sicher schön süß. Hier und da stehen ein paar Olivenbäume.
Der schwarze Asphalt glänzt nicht in der Sonne, er ist staubig. Straßenschilder zeigen nach Allon Shevut, Efrata, Gush Etzion, Kiryat Arba. Nach Hebron zeigt keines, obwohl wir dahin unterwegs sind. Wir befahren eine israelische Straße, mitten im Westjordanland. An jeder Ecke stehen Wachtürme des israelischen Militärs.
Hebron ist mit ca. 230.000 Einwohnern die größte Stadt des Westjordanlandes. Ihre historische und religiöse Bedeutung bildet die Grundlage für einen Jahrtausende alten Konflikt, der die Stadt bis heute beherrscht. Sie ist eine der ältesten Städte der Welt, die ständig bewohnt waren. In der Höhle Machpela, mitten in der Stadt, sollen Abraham, Sara, Isaak, Rebecca, Jakob und Lea begraben liegen. Das macht sie zwar zur heiligen Stätte für Muslime und Juden, wurde ihr aber auch gleichzeitig zum Verhängnis. Es ist fraglich, ob hier jemals Frieden wird herrschen können.
| der arabische Suq in Hebron |
Hebron ist eine lebendige Stadt, voller Geschäfte und Restaurants, Taxen verstopfen die Straßen, Menschen quetschen sich mit tütenweise Einkäufen über die engen Bürgersteige. Es gibt gekühlte Schaufenster mit toten Schafen, Ziegen und Kühen. Teppichläden, Computerzubehör, moderne Einkaufszentren mit kitschigen Kindersachen. Die Märkte bieten alles an, was man sich nur vorstellen kann. Hühner kreischen in winzigen Käfigen, bis sie jemand aussucht und frisch geschlachtet nach Hause in den Kochtopf bringt.
Doch der erste Eindruck trügt. Touristen sieht man hier selten, wir werden angestarrt, als kämen wir geradewegs vom Mars. Die Stimmung ist gedrückt, kein Kindergelächter, keine Musik aus den Läden. Die Menschen hier sind konservativ, außer uns tragen alle Frauen Kopftuch und die meisten lange Mäntel, unter denen man furchtbar schwitzen muss. Außerdem ist Ramadan, Restaurants und Cafes öffnen erst am Abend, nach Sonnenuntergang.
| Checkpoint zwischen arabischem Viertel und israelischer Siedlung |
Hebron ist eine geteilte Stadt. Zone H1 und Zone H2. Die eine steht unter palästinensischer Kontrolle, die andere unter israelischer. Neben der Siedlung Kiryat Arba, die auf einem ehemaligen Militärstützpunkt gegründet wurde und unmittelbar an Hebron grenzt, leben in der Innenstadt ca. 500 radikale, aggressive Siedler, die von mindestens zehnmal so vielen Soldaten beschützt werden.
| Gitter über dem Suq zum Schutz vor Angriffen |
Ein Blick nach oben genügt, um den tagtäglichen Kampf zu erkennen, den Palästinenser und Siedler gegeneinander führen. Über dem Suq (Markt) sind Gitter angebracht. Sie schützen Händler und einkaufende Mütter vor dem "Regen" von oben: Müll und schwere Steine liegen auf dem Gitter. Die obersten Etagen der Häuser sind von israelischen Siedlern besetzt und bewohnt, die ihren Dreck aus dem Fenster werfen.
Ein junger Palästinenser, Shadi, nimmt uns mit auf das Dach seines Hauses. Es grenzt direkt an die Häuser von Siedlern. Was wir sehen, ist eine saubere, von Soldaten bewachte Gasse, riesige Wassertanks, Kinderspielzeug. Lässt man den Blick weiter über die Stadt schweifen, kann man an jeder Ecke Wachtürme sehen, auf den Dächern von Häusern oder den leerstehenden Ruinen einer Tankstelle. Die Fenster von Shadis Familie, die zur Siedlung zeigen, sind verbarrikadiert. Als sie kamen, haben sie Tränengas in die Fenster gesprüht, direkt auf die Kinder. Seitdem ist mein kleiner Bruder fast blind, erzählt Shadi. Durch ein anderes Fenster sehen wir eine Müllhalde, die den verkohlten Balkon halb verdeckt. Hier haben sie mehrmals Molotov-Cocktails reingeworfen, zum Glück wurde dabe niemand verletzt. Wir werden auf eine Tasse Tee eingeladen, trotz Ramadan fastet die Familie nicht. Und das mitten in Hebron. Shadi arbeitet als Tourguide, drängt uns seine Dienste aber nicht auf, als wir dankend ablehnen. Auch die von Hand bestickten Tücher und Taschen werden uns zwar angeboten, aber nicht aufgeschwatzt. Ich habe das Gefühl, dass sie sich einfach über die Abwechslung freuen, die neuen Gesichter, das Interesse an ihrem Schicksal. Am Ende werfen wir jeder ein bisschen Kleingeld in die Spendenbox, für die Augenoperation von Shadis Bruder.
| Checkpoint am Ende des überdachten Markts |
Der "normale" Umgang mit Touristen in Hebron begegnet uns wieder, als wir das Haus der Familie verlassen und uns in Richtung Ibrahimi-Moschee aufmachen. Ein junger Mann hält uns Perlenarmbänder unter die Nase und fragt, warum wir keins kaufen wollen. Wir hätten doch der Familie auch Geld gegeben (woher er das wusste, keine Ahnung). Er wär doch auch so arm dran. Die Siedler hätten seiner Familie den Laden dicht gemacht. Das weiß ich, sage ich, und versuche zügig weiterzugehen. Aber er lässt sich nicht abschütteln. Wieviel wir denn der Familie gegeben hätten, will er wissen. Khalas, sage ich, das geht dich nichts an. Wir wollen keine Armbänder. Und wir sind keine reichen Touristen, die alle eure Probleme lösen können. Er ist beleidigt und schimpft, schreit uns an und läuft uns fast den ganzen Weg hinterher. Selbst als wir den überdachten alten Suq erreichen, gestikuliert er wild herum und ruft uns nach. Im Suq gibt es mehr Stände, als ich in Erinnerung habe. Es ist richtig eng und jeder preist uns seine Waren an. Hello, hello, where are you from? Look at my shop, look, look. Wir antworten nicht und schieben uns weiter vor, bis wir den Checkpoint erreichen. Mehrere Gitterdrehtüren und zwei Soldaten liegen noch zwischen uns und der Moschee. Weil man uns ansieht, dass wir Touristen sind, werden wir noch nicht einmal nach unseren Pässen gefragt.
| Ibrahimi-Moschee aus nördlicher Sicht |
Das Bauwerk über der Höhle Machpela, dem Grab der Patriarchen, wird heute von den hohen Mauern, die aus der Zeit von Herodes stammen (wie die Überreste der Klagemauer in Jerusalem), und den beiden Minaretten bestimmt. Das ursprüngliche Bauwerk wurde nach und nach ergänzt, sodass sowohl Juden, als auch Christen und Muslime eigene Gebetsräume erhielten. Unter der Herrschaft der Mamelukken wurde ab 1266/67 allen nicht-Muslimen der Zugang zu den heiligen Stätten untersagt. Erst während des Sechstagekriegs und der israelischen Besatzung des Westjordanlands 1967 konnte das Heiligtum Juden wieder zugänglich gemacht werden. Für sie wurde im nördlichen Teil des Gebäudes eine Synagoge eingerichtet, während die Muslime weiterhin die gotische Kreuzfahrerkirche im Süden als Moschee nutzen. Da die Stätte für Juden und Muslime gleichermaßen heilig ist, wurde sie Zeuge mehrerer Massaker, 1929 kamen bei Ausschreitungen 67 Juden ums Leben, 1994 ermordete der radikale Siedler Baruch Goldstein 29 Muslime beim Beten in der Ibrahimi-Moschee. Heute überblickt der Wachturm auf einem Anbau des Machpela-Komplexes die Umgebung, die Eingänge sind überwacht und man wird streng nach Waffen durchsucht.
| ehemalige Haupt-Geschäftsstraße Hebrons |
Wir wollen uns auch die Siedlung näher anschauen und müssen dazu durch die Shuhada, die frühere Haupt-Geschäftsstraße Hebrons. Heute ist sie ausgestorben, wie eine Geisterstadt. Wo früher arabische Läden und Stände waren, sind verrostete, hellblaue Türen mit Davidsternen aus Sprühdosen beschmiert. Palästinenser mussten aufgrund der israelischen Siedler, Soldaten und Polizisten insgesamt 1014 Wohnungen und 1829 Geschäfte und Betriebe im Stadtzentrum räumen (Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem). An einer zerschossenen, halb verfallenen Tankstelle lehnt ein Schild:
"Diese Gebäude wurden auf Land errichtet, das die Jüdische Gemeinschaft von Hebron 1807 erworben hat. Dieses Land wurde infolge des Mordes an 67 Juden aus Hebron 1929 von Arabern gestohlen. Wir wollen Gerechtigkeit! Gebt uns unser Eigentum zurück!" Hier in Hebron wird Mord mit Mord vergolten, und gestohlenes Land mit dem Stehlen von Land. Schon seit tausenden von Jahren.
Hier zu leben muss die Hölle sein. Ich bin froh, als der Bus uns wieder raus bringt, vorbei an den Überresten einer Straßenblockade, vorbei an den roten Dächern und Strommasten der umliegenden Siedlungen und zurück nach Bethlehem. Wo man wenigstens wieder frei atmen kann.
Japp, ich verstehe, warum du meintest, Hebron sei die Hölle...
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