"Ich bin schon da!" rufe ich ins Telefon. Ein ungläubiges Staunen am anderen Ende, dann: "Ok. Ich beeil mich. 5 Minuten."
Es ist halb zehn Uhr morgens und ich bin in Ramallah. Vor einer halben Stunde war ich noch in Jerusalem und kann kaum glauben, dass die Fahrt nur halb so lange gedauert hat wie erwartet. Wie früher. Der ganze Checkpoint sieht anders aus, es gibt mehr Mauer, dafür weniger Kontrolle. Wir müssen noch nicht einmal Anhalten, geschweigedenn die Pässe vorzeigen. Den Durchgang für die Palästinenser im Alter zwischen 15 und 60 gibt es auch nicht mehr. Als ich das letzte Mal hierdurch musste, hatten die nämlich noch auszusteigen und zu Fuß durch die Kontrollen zu gehen. Um durch unzählige Gitter-Drehtüren zu gehen, an endlosen Schlangen anzustehen und schließlich ihre Taschen durchwühlen und ihren Körper abtasten zu lassen. Immerhin, denke ich, haben sie wenigstens diese eine Schikane abgeschafft, auch wenn ich gleichzeitig weiß, dass sie anderswo mindenstens eine neue Barriere aufgebaut haben.
Sonst hat sich in Ramallah scheinbar nicht viel verändert in den letzten zwei Jahren. Es wird immer noch viel gebaut, die Straßen sind verstopft mit Menschen, Polizisten versuchen den hupenden Straßenverkehr wenigstens einigermaßen in geordnete Bahnen zu schieben. Von Freunden weiß ich, dass immer mehr neue Cafes und Bars aus dem Boden sprießen, die Eröffnung einer Diskothek hat es sogar bis in die Schlagzeilen der New York Times geschafft. "Wir wollen leben", sagt meine Freundin, "wir haben genug vom Kämpfen." Ihr Wunsch ist derselbe wie meiner, eine Utopie von einem Land, in dem alle Religionen und Völker aus Israel und Palästina friedlich zusammenleben können. Beide wissen wir, wie unrealistisch dieser Traum ist. Wir wechseln das Thema.
Später ärgert sie sich über ihre eigenen Landsleute. "2000, als die Israelis in Ramallah waren, war alles sauber und geordnet. Die Straßen waren neu und gut, das öffentliche Leben geregelt", erzählt sie. "Aber dann sind die Israelis gegangen, und wir haben alles wieder zerstört und es in seinen ursprünlichen Zustand gebracht. So wie du ihn jetzt siehst: überall Müll und Chaos."
Die Fahrt nach Bethlehem dauert ihre gewohnten über 60 Minuten. Wir müssen Jerusalem umfahren, wegen der Mauer, früher konnte man diese Strecke in 15 Minuten zurücklegen. Einmal müssen wir unsere Pässe vorzeigen, ansonsten ist die Fahrt ruhig.
Es ist heiß heute, sehr heiß. Sogar die Palästinenser leiden unter der Hitze. Und es soll die nächsten Tage noch so weiter gehen. Noch fühle ich mich als Tourist in Bethlehem, bisher war ich noch nicht länger als einen Tag hier. Die Stadt ist kleiner und ruhiger als Ramallah. Außerdem ist heute Sonntag, da haben die meisten Geschäfte zu.
Meine Wohnung ist in Ordnung, liegt sehr zentral und hat alles was man braucht. Bevor ich ins Bett gehe, darf ich noch Bekanntschafft mit zwei Mitbewohnerinnen im Bad machen: Kakerlaken. Morgen wird neben Klopapier also auch erstmal Gift gekauft. Nichts gegen euch Leute, aber ich bin sehr wählerisch, wenn es darum geht, mit wem ich meine Wohnung teile!
Schatz,
AntwortenLöschenaber lass das Gift bitte dort! Sonst werde ich noch verwechselt... ;)
:*