Es ist der letzte Freitag im Fastenmonat Ramadan. Die Sonne brennt, es gibt kaum etwas, dass Schatten auf die staubige Straße wirft. Einige von uns tragen Baseballcaps, andere haben sich die Kefiyah um den Kopf gewickelt. Ein palästinensischer Jugendlicher hüllt sich in seine Fahne, um sich vor der Hitze zu schützen. Ich verstecke mich neben einer Hauswand, um einen Schluck Wasser zu trinken.
Heute ist nur eine kleine Gruppe zusammen gekommen, die sich durch das Dorf schlängelt. Ein paar junge Palästinenser, ein paar ausländische Aktivisten. Zwei von uns sind Israelis, und sie stehen gemeinsam mit den Palästinensern in der ersten Reihe.
Jeden Freitag wird die Demonstration in dem kleinen Ort Al-Ma’sara in der Nähe von Bethlehem organisiert. Es ist ein Protest gegen den Bau der Mauer, die Israel vor palästinensischen Attentätern beschützen soll. Für die Menschen hier ist sie aber ein Zeichen von Landkonfiszierung, von der Zerstörung ihres Eigentums, von Freiheitsberaubung. Denn in ihrem eigenen Land wird es ihnen unmöglich gemacht, ihre Felder zu bestellen und ihre Verwandten auf der anderen Seite der Mauer zu besuchen.
Und es ist ein Protest gegen die illegalen Siedlungen, die sich auf den umliegenden Hügeln immer weiter ausbreiten. Seit vor ein paar Tagen bei einem Anschlag der Hamas vier Israelis aus der Nähe von Hebron erschossen wurden, sind viele radikale Siedler noch aggressiver geworden. Sie werfen Steine auf palästinensische Autos und zerstören die Felder ihrer arabischen Nachbarn.
Von uns hat keiner eine Waffe, wir werden keine Steine werfen. Der gewaltfreie Widerstand gegen die Besatzung ist wichtig, gerade jetzt. Wir sind nicht Ghandi, aber wir wollen ein Zeichen setzen. Und wir wollen zeigen, dass die Palästinenser nicht alleine da stehen. Außerdem ist die internationale Unterstützung noch aus einem anderen Grund notwendig. Wir sind eine Art Schutzschild, denn solange wir da sind, werden die Soldaten nicht mit scharfer Munition schießen.
Auf dem Weg durch das Dorf zur Baustelle der Mauer stehen überall Menschen an der Straße und feuern uns an. Winken uns zu, ermutigen uns. Einige von ihnen gesellen sich zu uns. „One, two, three, four – Occupation no more!“ tönt es durch ein Megafon und wir alle begleiten den Sprechgesang. „The wall must fall! The wall must fall! The wall must fall!“ Ein paar Parolen für die von uns, die nicht arabisch sprechen. Von den arabischen Sätzen verstehe ich nur ein paar Brocken. Die Mauer muss weg, rufen sie, und gebt uns unser Land zurück.
Anna, eine deutsche Aktivistin, hat den Protest mit organisiert und macht Stimmung. „Bleibt dicht zusammen, wir müssen Internationals in der ersten Reihe haben!“ ruft sie und rückt ihre Käppi zurecht. ‚Free Palestine’ steht darauf. Noch ein paar andere Deutsche sind mit dabei, ein Däne, eine Engländerin mit indischen Wurzeln. Eine Irin, eine Schweizerun, ein Amerikaner, eine Französin. „Ist das auch dein erster Protest?“ frage ich und sie nickt. Dann schwenkt sie wieder ihre Fahne und wir gehen weiter nach vorne.
Am Ortsausgang kommen uns die ersten Soldaten in ihren Jeeps entgegen. Wir weichen auf den Straßenrand aus und schieben uns an ihnen vorbei, bis sie anhalten, aussteigen und sich vor uns aufbauen. ‚Beendet die Besatzung’ steht auf dem großen Banner, das wir ihnen unter die Nase halten. Im Gegenzug wedeln sie mit einem Zettel vor uns rum. „Dies ist eine Closed Military Zone. Geht zurück!“ Na klar, denke ich, militärisches Sperrgebiet. Mitten auf der Straße, mitten in einem palästinensischen Dorf. Fasst muss ich lachen.
Ich vergesse, was wir gerade rufen und schaue einem der Soldaten direkt in die Augen. Er ist größer als ich, aber wahrscheinlich um einiges jünger. Seine Augen sind braun und leer, als wäre rein gar nichts dahinter. Das Gewehr hängt locker vor seinem mit schusssicherer Weste geschützen Oberkörper, die eine Hand am Abzug. Was denkst du gerade, frage ich mich. Was hat man dir beigebracht, wie du in einer solchen Situation handeln sollst? Was hat man dir erzählt, was für Menschen wir sind, dass wir uns mit den Palästinensern solidarisch zeigen? Ich finde die Antworten nicht, sein Blick ist starr, er guckt einfach durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht da.
„Wir sind friedlich“, ruft Anna, „wir sind unbewaffnet! Schießt nicht auf uns!“ Kurz darauf höre ich jemanden schreien, „passt auf, die werfen Schallgranaten!“ Ich drehe mich um und halte mir die Ohren zu. Ich kann sehen, wie die Granate ein paar Meter weiter auf der Straße liegen bleibt und explodiert. Es ist nicht so laut, wie ich erwartet hatte. Trotzdem merke ich, wie meine Füße mich die Straße zurück tragen, ich denke gar nicht darüber nach. Eigentlich ist es besser, direkt bei den Soldaten zu bleiben, denn sie werden die Schallgranaten nicht vor ihren eigenen Füßen explodieren lassen. Festgenommen werden möchte ich aber lieber auch nicht.
Von etwas weiter weg beobachte ich die Situation und finde meine Stimme wieder. „Viva viva Falastina!“ Bei mir ist die Französin und macht Fotos. Ich hebe die Fahne auf, die sie beim Laufen verloren hat. Auch einige Palästinenser sind von der vordersten Front zurückgewichen. Trotz der Entfernung fühle ich mich beobachtet und merke, wie ein Soldat mit seinem Gewehrlauf direkt auf mein Gesicht zeigt. Er weiß, dass ich ihn sehe, und ich weiß, dass er mich treffen könnte, wenn er wollte. Er schießt nicht, aber automatisch gehe ich einige Schritte rückwärts und biege um einen kleinen Hügel, sodass er mich nicht mehr sieht.
Überall explodieren Schallgranaten, irgendwo höre ich das Zischen von Tränengas. Mittlerweile sind immer mehr Militärjeeps auf der Straße und die Soldaten drängen uns zu einer kleinen Kreuzung zurück. Der Großteil der Gruppe hockt sich auf den Boden, aber ich bleibe lieber ein Stück weiter stehen, vielleicht kann ich sonst nicht schnell genug wegrennen. Definitiv gibt es mutigere Menschen als mich.
Eine Weile geht es vor und zurück, irgendwann stecken wir fest. Von beiden Seiten kommen Jeeps näher, die Soldaten kreisen uns langsam ein. Hinter uns ist eine Grundstücksmauer, weglaufen geht jetzt nicht. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie löst sich die Situation wieder auf und ich bin einfach froh, dass ich ein paar Minuten unter dem Schatten eines Baumes stehen konnte.
Anna brüllt immer noch die Soldaten an. „Nicht schießen! Wir haben keine Waffen! Ihr seid kriminell!“ Der Mann mit dem Megafon stimmt einen neuen Sprechgesang an. „Go home, soldiers, go home!“ rufen wir und klatschen in die Hände.
Der Granatenhagel hört langsam auf, nach und nach ziehen die israelischen Soldaten sich zurück. Wir bleiben dicht zusammen auf der Kreuzung stehen, versuchen aber nicht noch einmal in Richtung Mauer zu gehen. Heute haben wir sie noch nicht einmal zu sehen bekommen. Noch ein paar Mal fährt ein Jeep vor uns auf und ab, als er langsam wegfährt öffnet einer der Soldaten die Hintertür und spuckt in unsere Richtung auf die Straße. Jemand zeigt ihm den Stinkefinger, aber er hat die Tür schon wieder zugeschlagen.
Wir klatschen und jubeln. Es passiert nicht oft, dass die Armee sich zurückzieht, bevor sich die Demonstration endgültig aufgelöst hat. Ein kleiner Erfolg für die Bewohner von Al-Ma’sara. Ein kleiner Erfolg für uns. Wir haben keine Verletzten, keine Festnahmen. Nur die Schweizerin hat ein bisschen Tränengas abbekommen. Einer der palästinensischen Organisatoren bedankt sich, dass wir da waren. Besonders die israelischen Aktivisten. „Das bedeutet uns viel“, sagt er.
Wir haben gewonnen. Zumindest für heute.
Liebe Kristin,
AntwortenLöschenwenn man das alles hier so liest, muss man sich wirklich Gedanken um den Zustand unserer Welt machen, wo es an der Tagesordnung ist, Demokratie durch Gewalt zu ersetzen. Wir sind im Frühjahr mehr zufällig in die Demos in Bangkok geraten, kurz bevor sie gewaltsam aufgelöst wurden. Da hatte ich das gleiche schon mal gedacht, aber die Zustände in Palestina toppen das um ein vielfaches.
Danke für Deine tollen Berichte und pass ein wenig auf Dich auf.
Grüße
Joachim /SKGB
Uiuiuiuiui.
AntwortenLöschenMensch Krissi, Du weckst in mir Gefühle, die ich schon längst begraben habe
AntwortenLöschensei vorsichtig