Sonntag, 26. September 2010

Zeitreisende

Teil 2: Haifa

Kräne am Umschlagplatz im Hafen von Haifa
Haifa führt uns in wieder eine andere Zeit, in wieder eine andere Welt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie facettenreich das Heilige Land ist. Man braucht sich nur für eine halbe Stunde in den Bus setzen und schon hat sich alles um einen herum verändert. Kein Ort gleicht hier dem anderen, obwohl das Land verglichen mit dem Rest der Welt doch so klein ist. Als wir aussteigen, stehen wir auf dem Bahnhofsgelände, gleich neben dem großen Hafen. Durch das Industriegebiet sind wir schon gefahren, Haifa ist die israelische Stadt der Arbeit.

Sie bringt uns zurück ins 19. Jahrhundert. Genauer gesagt in die Jahre ab 1869, in denen die Templer eine Siedlung in Haifa – damals außerhalb der Stadtmauern – gründeten. Die Häuser gibt es heute noch und das Viertel heißt German Colony. Die Templer im Heiligen Land wurden häufig auch Palästinadeutsche genannt. Sie, Mitglieder der süddeutschen Tempelgesellschaft, hatten sich im Juni 1861 aus einer pietistischen Bewegung innerhalb der lutherischen Kirche in Württemberg heraus gegründet, die 1859 aus der Landeskirche ausgeschlossen worden war. Sie verstehen sich als lebendige Bausteine eines Gotteshauses (Tempels), grundlegende Werte sind Gottvertrauen und Nächstenliebe sowie die Pflege christlicher Gemeinschaft. Entsprechend der damaligen Zeit, in der sich viele christliche Vereine zum Erwerb von Boden im Heiligen Land (damals eine Provinz des Osmanischen Reiches) gründeten, war es ihr erklärtes Ziel, nach Palästina auszuwandern. Damit sollte „die Herstellung des Menschen zum Tempel Gottes und die Herstellung des Heiligtums für alle Völker zu Jerusalem“ erreicht werden.

ehemaliges Templerhaus in der German Colony
Die Templer sorgten für eine schnelle Anbindung ihrer Siedlung an die Innenstadt Haifas, sowie nach Nazareth, Akko und andere deutsche Templerkolonien. So wurde in kurzer Zeit eine umfassende Infrastruktur geschaffen. Das erste Pilgerhotel im Heiligen Land wurde in Haifa errichtet. Auch die technische Entwicklung wurde durch das Know-How aus Deutschland stark vorangetrieben. Aus diesen Gründen gelang den christlichen Templern trotz ihrer extremen Minderheit, einiges an Ansehen bei der jüdischen und arabischen Bevölkerung erlangen.


Etwa zur gleichen Zeit entstand aus einer Abspaltung des schiitischen Islam im Iran die Bahai-Religion. Aufgrund von Verfolgungen und Exil gelangte ihr Stifter, Baha’ullah, über die Türkei nach Haifa. Er starb 1892 in Akko (nördlich von Haifa) und machte seinen ältesten Sohn zum Nachfolger als Leiter der Bahai-Gemeinde machte. Auch der Prophet der Bahai, der Bab genannt wurde, liegt in Haifai begraben. Sein Leichnam wurde aus dem Iran überführt, wo er 1850 öffentlich erschossen worden war. Für ihn wurde der „Schrein des Bab“ errichtet, umgeben von prachtvollen, akkurat angelegten Gärten. Ebenfalls in Haifa befindet sich heute der Hauptsitz und das höchste Gremium der Bahai, das sogenannte Universale Haus der Gerechtigkeit.
die Bahai-Gärten unterhalb des Bab-Schreins

Auch wenn die Bahai nicht mehr viel mit dem Islam zu tun haben – eine Gemeinsamkeit finde ich doch recht prägnant. Nämlich der Glaube an eine fortschreitende Offenbarung, die die Religion sozusagen immer wieder „aktualisiert“. Das bedeutet, dass Jesus als Prophet das Judentum erneuert hat (woraus das Christentum entstand), durch Mohammad entstand der Islam, der wiederum durch die Bahai-Religion neu geboren wurde. Alle etwa tausend Jahre erscheint demnach ein neuer Prophet. Der Unterschied zum Islam besteht hier darin, dass im Islam Mohammad der letzte Prophet, also der letzte Offenbarer war, der den endgültig wahren Glauben verbreitet hat. Die Bahai sehen sich nicht als endgültige Religion an, sondern erwarten nach wie vor weitere Propheten Gottes. Eine interessante Vorstellung. Und eigentlich müsste man die Bahai mit berücksichtigen, wenn man von den monotheistischen Weltreligionen spricht. Immerhin gibt es inzwischen etwa 5 bis 8 Millionen Bahai-Anhänger, die ca. 2100 Ethnien angehören und in 189 Staaten leben. Zum Vergleich: Es gibt weltweit 13,3 Millionen Juden, 1,5 Milliarden Muslime und 2,26 Milliarden Christen.

illegale jüdische Einwanderer im Bauch eines Schiffes
Der Hafen von Haifa wurde mit der Zeit immer weiter ausgebaut. Da der Hafen in Akko für die neuen großen Schiffe zu klein war, wurde Haifa zur wichtigsten Hafenstadt des Landes. Während der britischen Mandatszeit kamen hier 1936 die ersten Schiffe mit illegalen jüdischen Einwanderern an. Interessantes und auch Erschreckendes über diese Einwanderer haben wir im Clandestine Immigration and Naval Museum erfahren. Erschreckend fand ich nicht nur, dass die Menschen unter unmöglichen Haftbedingungen in irgendwelche Lager nach Zypern verschleppt wurden (die erschreckende Ähnlichkeiten mit den Gefangenenlagern der Nazis hatten, wenn auch ohne Brennöfen und Gaskammern). Viel schlimmer erscheint mir, dass die Engländer die deutschen Juden noch während der 1940er Jahre umgehend und ohne wenn und aber nach Hitler-Deutschland zurück verschifft haben. Meiner Meinung nach haben sie dadurch eine gewisse Mitschuld an der Ermordung der Juden in Deutschland auf sich geladen. Keiner kann mir erzählen, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst haben, was da wirklich vor sich gegangen ist. Die Nazis waren Schweine und bewiesenermaßen kann niemand von sich behaupten, dass er nicht auch mal in so eine schlimme Sache reingeraten könnte (siehe z.B. „Die Welle“). Aber so zu tun, als hätte man die Welt gerettet, obwohl man selber die Juden auch nur loswerden wollte, ist in meinen Augen einfach nur falsch, heuchlerisch und unfassbar.

Vielleicht sind wir Deutschen in diesem Punkt übersensibilisiert. Aber ehrlich gesagt, habe ich lieber eine gewisse Schuld im Hinterkopf und handele so, dass so etwas in Zukunft nicht noch einmal passiert, als dass ich wie Prinz Harry als Nazi verkleidet auf eine Kostümparty marschiere und das auch noch witzig finde.

Samstag, 11. September 2010

Zeitreisende

Teil 1: Nazareth

Die Schlange am Checkpoint ist heute lang, viel länger als normalerweise um diese Zeit. Alte Frauen und Mütter mit ihren Kindern, die auf den Markt nach Jerusalem wollen oder vielleicht auch Verwandte besuchen. Sofern sie nicht aus Jerusalem sind und in Bethlehem Verwandte besucht haben, brauchen sie eine Genehmigung der israelischen Behörden, um das Westjordanland verlassen zu können. Meist ist es mehr als schwierig eine solche Genehmigung zu bekommen. Und eine Garantie, dass man dann am Checkpoint auch wirklich durchgelassen wird, ist das immer noch nicht.
Das grüne Licht über dem Drehkreuz leuchtet nicht, es ist blockiert, keiner darf durch. Vor dem Durchgang stehen zwei Sicherheitskräfte, die aussehen wie israelische Soldaten. Die meisten Checkpoints werden jedoch von einer privaten Sicherheitsfirma betrieben und nicht von der israelischen Armee. Als die beiden Männer uns am Ende der Schlange sehen, winken sie uns nach vorne. Skeptisch aber brav folgen wir der Anweisung. „Ihr könnt durchgehen“, sagt der eine. „Aber die anderen warten schon viel länger als wir, lassen Sie sie zuerst gehen.“ Wir versuchen ein paar der Frauen vor uns zu schieben. „Nein, nur Touristen“, lautet die starre Antwort. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, gehen wir durch das Drehkreuz. Ich fühle mich schlecht dabei, weil ich weiß, dass die Frauen wahrscheinlich schon sehr lange warten. Und weil ich weiß, dass diese Aktion reine Schikane ist. Weil ich sehe, dass an diesem Punkt bestimmte Menschen schlechter behandelt werden als andere. Und zwar nicht, weil sie etwas schlechtes oder böses getan hätten. Sondern einfach, weil sie Palästinenser sind.
Im Kontrollgebäude wieder lange Schlangen. Jetzt dürfen wir uns hinten anstellen. Es dauert ewig, weil das Drehkreuz immer nur für eine Person geöffnet wird. Manchmal versuchen sich mehrere Frauen gleichzeigtig durchzuquetschen, was aber nur eine noch längere Wartezeit für die anderen zur Folge hat. Überall sind Überwachungskameras angebracht. Es ist furchtbar heiß. Während wir warten, fallen mir die künstlichen Hängepflanzen an den Wänden auf. Warum, zum Teufel, sollte jemand auf die Idee kommen, einen Checkpoint zu dekorieren, frage ich mich. Hinter dem Drehkreuz müssen die Taschen aufs Fießband und werden durchleuchtet, wir gehen durch den Klingelkasten. Fast wie am Flughafen, nur ohne freundliches Bodenpersonal. Und statt der Aussicht auf eine kostenlose Tageszeitung und einen Platz am Fenster nur ein weiterer Schalter und ein weiterer Sicherheitsmann hinter einer Glasscheibe, der dich noch nicht einmal ansieht, während er deinen Pass kontrolliert.

Auf der anderen Seite müssen wir erstmal unsere Uhren umstellen. In Israel ist noch Sommerzeit, also schon eine Stunde später. Jerusalem kommt einem immer vor wie in einer anderen Zeit. Wir müssen durch den jüdisch-isrelischen Teil der Stadt, vorbei am Viertel Mea Shearim, wo die ultraorthodoxen Juden leben. Es gibt eine strenge Kleidervorschrift; Frauen und Mädchen tragen Röcke und langärmelige T-Shirts oder Blusen. Am besten in Schwarz-Weiß oder Grautönen. Das Tuch, was sie um ihr Haar knoten, erinnert mich an die Kopfbedeckung der Frauen im Mittelalter. Auch ist es üblich, dass die Frauen sich den Kopf kahl scheren. Wenn sie rausgehen, tragen sie Perücke und Kopftuch. Männer dagegen haben kurzes volles Haar und lange Schläfenlocken an beiden Seiten. Sie tragen die Kippa und darüber schicke schwarze Zylinder. Unter dem langen schwarzen Mantel tragen sie den Tallit, ein viereckiges Kleidungsstück oder Gebetstuch, an dessen Ecken Fäden hängen (Zitzit), die an die Gebote der Thora erinnern sollen. Schon kleine Kinder sind mit den Kleidungsvorschriften vertraut, sodass auf den Spielplätzen Kinder in feinen Anzügen und schwarzen Röcken mit Spitzenblüschen im Sand hocken.

Die Bewohner von Mea Shearim sind relativ arm, weil die Männer nicht arbeiten, sondern ihr Leben lang nur die Thora studieren und gegebenenfalls lehren. Die Mütter sind mit Haushalt und Kindern allein gelassen und zusätzlich für den Lebensunterhalt der Familie zuständig. Die Häuser sind teilweise halb zerfallen oder nicht fertig gebaut, die Straßen und Höfe voller Dreck und Müll. Malerisch, wie das Viertel in meinem Reiseführer beschrieben wird, ist hier ganz bestimmt nicht.

Für uns geht es weiter nach Nazareth, in Galiläa. Heilige Stadt der Christen, Ort der Verkündigung des Herrn. Hier erfuhr Maria vom Erzengel Gabriel, dass sie Jesus gebären sollte. Die Geschichtsträchtigkeit des Ortes lässt sich heute kaum noch erahnen. Zumal an der Stelle, an der Marias Haus gestanden haben soll, heute die moderne, fast monumentale, katholische Verkündigungskirche steht. Es gibt noch weitere Kirchen, für russisch Orthodoxe, griechisch Orthodoxe, Protestanten, Episkopale. In einer Kirche liegt ein großer ovaler Fels, an dem Jesus nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gegessen haben soll. Nur ein großer Stein, mag man denken, und doch wirkt er beeindruckender, als ich vorher gedacht hatte.

Heute ist der größte Teil der Einwohner Nazareths muslimisch (zwei Drittel). Sie ist mit ca. 75.000 Menschen die größte palästinensisch-arabische Stadt in Israel. Die Altstadt erinnert an die in Jerusalem, mit ihren verwinkelten Gassen und den weißen Häusern. Leider stehen viele der Geschäfte des alten Suq leer. Vor allem die „Brautstraße“, in der früher Brautkleider, Schmuck und vieles mehr verkauft wurde, wirkt wie ausgestorben. Noch vor zehn Jahren war die Altstadt ein unsicheres Pflaster, Drogendealer und andere Kleinkriminelle hatten sich in den Ruinen der während des Kriegs verlassenen Häuser eingerichtet. Heute ist das Viertel wieder dicht bewohnt, nach und nach werden neue Läden und Restaurants eröffnet.

Unser Hostel befindet sich mitten in der Altstadt, ein romantisches, gut erhaltenes arabisches Wohnhaus aus der osmanischen Zeit. Die typischen weißen Fliesen und prachtvolle Deckengemälde sind erhalten. Den Hof teilen wir mit arabischen Nachbarn, neugierige Kinder beobachten die ausländischen Gäste. Auch dieses Haus war nach dem Tod seiner Besitzer verlassen und unbewohnt, alle Nachkommen der Familie leben außerhalb der Stadt oder in Amerika. Bis vor ein paar Jahren ein jüdisch-israelischer Geschäftsmann das Objekt entdeckte und gemeinsam mit einer der Enkelinnen ein Hostel daraus machte. Er hält das Haus instand, alle Möbel und persönlichen Gegenstände der Besitzer hat er behalten und liebevoll in Szene gesetzt. Der grün bepflanzte Innenhof wirkt friedlich und erinnert an eine andere Zeit. Ein kleines Beispiel von israelisch-palästinensischer Freundschaft und Zusammenarbeit. Ein kleines Beispiel, das Hoffnung schenkt.

Während die Christen in der Kirche St. Joseph eine Hochzeit feiern, ruft der Muezzin zum Gebet in die Weiße Moschee. Noch ist Ramadan und die Rede des Imam erinnert mich an eine Predigt in der christlichen Fastenzeit vor Ostern, auch wenn ich nur ein paar wenige Worte verstehen kann. Wir sitzen auf einer schmalen Bank an der Rückwand des Betsaals, Haar und Schultern mit einem Tuch bedeckt dürfen wir dem Mittagsgebet der Männer beiwohnen. Die Frauen haben einen eigenen Gebetsraum im Untergeschoss. Es sind nicht so viele Männer gekommen, wie ich erwartet hatte, die meisten von ihnen sind eher älter, eigentlich so wie in den Kirchen in Deutschland. Jugendliche sieht man dort auch kaum mehr. Nach der Predigt folgt das gemeinsame Gebet, während dem alle Männer dicht nebeneinander stehen. Symbolisch bildet dies einen Schutzwall vor dem Teufel.

Beim Beten richten sich die Muslime nach Mekka, wo die Kaaba steht, das älteste sakrale Bauwerk des Islam. „Allahu Ekbir“ betet der Imam vor, dabei heben die Männer ihre Hände seitlich zum Kopf hoch. Danach werden verschiedene Verse aus dem Koran gesprochen und die Männer bücken sich und knien in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Boden. Vor jeder Bewegung wird eine „Allahu Ekbir“ gesprochen, in reinem Hocharabisch eigentlich „Allahu Akbar“, Gott ist groß, nichts ist größer als Gott.

Eigentlich glauben wir am Ende doch alle an den gleichen Gott, ob er nun Allah, Jahwe oder eben Gott heißt.

Samstag, 4. September 2010

Viva viva Falastina!

Es ist der letzte Freitag im Fastenmonat Ramadan. Die Sonne brennt, es gibt kaum etwas, dass Schatten auf die staubige Straße wirft. Einige von uns tragen Baseballcaps, andere haben sich die Kefiyah um den Kopf gewickelt. Ein palästinensischer Jugendlicher hüllt sich in seine Fahne, um sich vor der Hitze zu schützen. Ich verstecke mich neben einer Hauswand, um einen Schluck Wasser zu trinken.
Heute ist nur eine kleine Gruppe zusammen gekommen, die sich durch das Dorf schlängelt. Ein paar junge Palästinenser, ein paar ausländische Aktivisten. Zwei von uns sind Israelis, und sie stehen gemeinsam mit den Palästinensern in der ersten Reihe.
Jeden Freitag wird die Demonstration in dem kleinen Ort Al-Ma’sara in der Nähe von Bethlehem organisiert. Es ist ein Protest gegen den Bau der Mauer, die Israel vor palästinensischen Attentätern beschützen soll. Für die Menschen hier ist sie aber ein Zeichen von Landkonfiszierung, von der Zerstörung ihres Eigentums, von Freiheitsberaubung. Denn in ihrem eigenen Land wird es ihnen unmöglich gemacht, ihre Felder zu bestellen und ihre Verwandten auf der anderen Seite der Mauer zu besuchen.
Und es ist ein Protest gegen die illegalen Siedlungen, die sich auf den umliegenden Hügeln immer weiter ausbreiten. Seit vor ein paar Tagen bei einem Anschlag der Hamas vier Israelis aus der Nähe von Hebron erschossen wurden, sind viele radikale Siedler noch aggressiver geworden. Sie werfen Steine auf palästinensische Autos und zerstören die Felder ihrer arabischen Nachbarn.
Von uns hat keiner eine Waffe, wir werden keine Steine werfen. Der gewaltfreie Widerstand gegen die Besatzung ist wichtig, gerade jetzt. Wir sind nicht Ghandi, aber wir wollen ein Zeichen setzen. Und wir wollen zeigen, dass die Palästinenser nicht alleine da stehen. Außerdem ist die internationale Unterstützung noch aus einem anderen Grund notwendig. Wir sind eine Art Schutzschild, denn solange wir da sind, werden die Soldaten nicht mit scharfer Munition schießen.
Auf dem Weg durch das Dorf zur Baustelle der Mauer stehen überall Menschen an der Straße und feuern uns an. Winken uns zu, ermutigen uns. Einige von ihnen gesellen sich zu uns. „One, two, three, four – Occupation no more!“ tönt es durch ein Megafon und wir alle begleiten den Sprechgesang. „The wall must fall! The wall must fall! The wall must fall!“ Ein paar Parolen für die von uns, die nicht arabisch sprechen. Von den arabischen Sätzen verstehe ich nur ein paar Brocken. Die Mauer muss weg, rufen sie, und gebt uns unser Land zurück.
Anna, eine deutsche Aktivistin, hat den Protest mit organisiert und macht Stimmung. „Bleibt dicht zusammen, wir müssen Internationals in der ersten Reihe haben!“ ruft sie und rückt ihre Käppi zurecht. ‚Free Palestine’ steht darauf. Noch ein paar andere Deutsche sind mit dabei, ein Däne, eine Engländerin mit indischen Wurzeln. Eine Irin, eine Schweizerun, ein Amerikaner, eine Französin. „Ist das auch dein erster Protest?“ frage ich und sie nickt. Dann schwenkt sie wieder ihre Fahne und wir gehen weiter nach vorne.
Am Ortsausgang kommen uns die ersten Soldaten in ihren Jeeps entgegen. Wir weichen auf den Straßenrand aus und schieben uns an ihnen vorbei, bis sie anhalten, aussteigen und sich vor uns aufbauen. ‚Beendet die Besatzung’ steht auf dem großen Banner, das wir ihnen unter die Nase halten. Im Gegenzug wedeln sie mit einem Zettel vor uns rum. „Dies ist eine Closed Military Zone. Geht zurück!“ Na klar, denke ich, militärisches Sperrgebiet. Mitten auf der Straße, mitten in einem palästinensischen Dorf. Fasst muss ich lachen.
Ich vergesse, was wir gerade rufen und schaue einem der Soldaten direkt in die Augen. Er ist größer als ich, aber wahrscheinlich um einiges jünger. Seine Augen sind braun und leer, als wäre rein gar nichts dahinter. Das Gewehr hängt locker vor seinem mit schusssicherer Weste geschützen Oberkörper, die eine Hand am Abzug. Was denkst du gerade, frage ich mich. Was hat man dir beigebracht, wie du in einer solchen Situation handeln sollst? Was hat man dir erzählt, was für Menschen wir sind, dass wir uns mit den Palästinensern solidarisch zeigen? Ich finde die Antworten nicht, sein Blick ist starr, er guckt einfach durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht da.
„Wir sind friedlich“, ruft Anna, „wir sind unbewaffnet! Schießt nicht auf uns!“ Kurz darauf höre ich jemanden schreien, „passt auf, die werfen Schallgranaten!“ Ich drehe mich um und halte mir die Ohren zu. Ich kann sehen, wie die Granate ein paar Meter weiter auf der Straße liegen bleibt und explodiert. Es ist nicht so laut, wie ich erwartet hatte. Trotzdem merke ich, wie meine Füße mich die Straße zurück tragen, ich denke gar nicht darüber nach. Eigentlich ist es besser, direkt bei den Soldaten zu bleiben, denn sie werden die Schallgranaten nicht vor ihren eigenen Füßen explodieren lassen. Festgenommen werden möchte ich aber lieber auch nicht.
Von etwas weiter weg beobachte ich die Situation und finde meine Stimme wieder. „Viva viva Falastina!“ Bei mir ist die Französin und macht Fotos. Ich hebe die Fahne auf, die sie beim Laufen verloren hat. Auch einige Palästinenser sind von der vordersten Front zurückgewichen. Trotz der Entfernung fühle ich mich beobachtet und merke, wie ein Soldat mit seinem Gewehrlauf direkt auf mein Gesicht zeigt. Er weiß, dass ich ihn sehe, und ich weiß, dass er mich treffen könnte, wenn er wollte. Er schießt nicht, aber automatisch gehe ich einige Schritte rückwärts und biege um einen kleinen Hügel, sodass er mich nicht mehr sieht.
Überall explodieren Schallgranaten, irgendwo höre ich das Zischen von Tränengas. Mittlerweile sind immer mehr Militärjeeps auf der Straße und die Soldaten drängen uns zu einer kleinen Kreuzung zurück. Der Großteil der Gruppe hockt sich auf den Boden, aber ich bleibe lieber ein Stück weiter stehen, vielleicht kann ich sonst nicht schnell genug wegrennen. Definitiv gibt es mutigere Menschen als mich.
Eine Weile geht es vor und zurück, irgendwann stecken wir fest. Von beiden Seiten kommen Jeeps näher, die Soldaten kreisen uns langsam ein. Hinter uns ist eine Grundstücksmauer, weglaufen geht jetzt nicht. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie löst sich die Situation wieder auf und ich bin einfach froh, dass ich ein paar Minuten unter dem Schatten eines Baumes stehen konnte.
Anna brüllt immer noch die Soldaten an. „Nicht schießen! Wir haben keine Waffen! Ihr seid kriminell!“ Der Mann mit dem Megafon stimmt einen neuen Sprechgesang an. „Go home, soldiers, go home!“ rufen wir und klatschen in die Hände.
Der Granatenhagel hört langsam auf, nach und nach ziehen die israelischen Soldaten sich zurück. Wir bleiben dicht zusammen auf der Kreuzung stehen, versuchen aber nicht noch einmal in Richtung Mauer zu gehen. Heute haben wir sie noch nicht einmal zu sehen bekommen. Noch ein paar Mal fährt ein Jeep vor uns auf und ab, als er langsam wegfährt öffnet einer der Soldaten die Hintertür und spuckt in unsere Richtung auf die Straße. Jemand zeigt ihm den Stinkefinger, aber er hat die Tür schon wieder zugeschlagen.
Wir klatschen und jubeln. Es passiert nicht oft, dass die Armee sich zurückzieht, bevor sich die Demonstration endgültig aufgelöst hat. Ein kleiner Erfolg für die Bewohner von Al-Ma’sara. Ein kleiner Erfolg für uns. Wir haben keine Verletzten, keine Festnahmen. Nur die Schweizerin hat ein bisschen Tränengas abbekommen. Einer der palästinensischen Organisatoren bedankt sich, dass wir da waren. Besonders die israelischen Aktivisten. „Das bedeutet uns viel“, sagt er.
Wir haben gewonnen. Zumindest für heute.

Mittwoch, 1. September 2010

Frieden? - Hier doch nicht!

Morgen sollen in Washington auf Einladung von US-Außenministerin Hilary Clinton und Präsident Barack Obama erstmals seit fast zwei Jahren wieder direkte Gespräche über einen möglichen Frieden im Nahen Osten stattfinden.

Die beiden Hauptakteure, Benjamin Netanyahu und Mahmoud Abbas, geben mehr schlecht als recht vor, positiv auf die Verhandlungen zu blicken und eine Einigung innerhalb eines Jahres für möglich zu halten. Bedingungen haben beide, Zugeständnisse wollen beide nicht machen. Netanyahu will weder den Siedlungsbau im Westjordanland langfristig stoppen, noch das arabische Ostjerusalem an einen zukünftigen Palästinenserstaat abgeben. Auch die vermeintliche von Außenminister Ehud Barak erklärte Bereitschaft, Jerusalem zwischen Israel und Palästina aufzuteilen und die Heiligen Bezirke (Altstadt, Ölberg und Davidstadt) unter eine Sonderverwaltung zu stellen, können dies nicht ändern. Ebensowenig will Abbas einen Staat ohne Jerusalem als Hauptstadt. Und um seine Kritiker zu beruhigen, droht er mit dem sofortigen Ausstieg aus den Verhandlungen, sollte der Siedlungsbau im Westjordanland fortgeführt werden.

Wer mag da noch an einen Erfolg der Gespräche glauben? Die meisten Palästinenser tun das nicht. Dem Treffen wird kaum Beachtung geschenkt. Und die Annahme, dass eine Zwei-Staaten-Lösung, wie sie hierbei angestrebt wird, für einen dauerhaften Frieden sorgen wird, ruft höchstens noch ein müdes Lächeln hervor. Ein wenig mehr Beachtung bekommt dafür die gute alte radikalislamische Hamas, die von Anfang an vehement gegen direkte Friedensverhandlungen gewettert hat. Pünktlich, gerade als Netanyahu gestern Abend in Wahington eintraf, hat sie vier israelische Siedler im Westjordanland in der Nähe von Hebron auf offener Straße in ihrem Auto erschießen lassen. Zwei Männer und zwei Frauen kamen ums Leben, eine von ihnen war schwanger. Ein willkommenes Fressen für die Presse. Netanyahu und Abbas beeindruckt das jedoch wenig, beide verurteilen den Vorfalls aufs Schärfste, beide veranlassen sofortige Maßnahmen zur Fahndung und beide versichern, in Zukunft noch stärkere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Der Plan der Hamas, das Treffen zu stören, ist vorerst also nicht aufgegangen.

Hoffnungsvoller macht das die Stimmung im Land aber auch nicht. Abbas ist korrupt, eine Marionette der Israelis. So denken die Palästinenser über ihren Oberboss. Er steht selber unter der Besatzung, wie soll so jemand ein Volk führen können. Das Vertrauen in die eigene Regierung liegt bei plus minus Null. Alle Maßnahmen, die unternommen werden, um die Infrastruktur des Landes zu verbessern und die Gesellschaft zu stärken, unterstützen im Gegenteil die Besatzungspolitik Israels. So zum Beispiel der Straßenbau: Israel hat sich die Hauptverkehrsstraßen im Westjordanland einverleibt und ausgebaut, sodass sie nur noch seinen Siedlern zugänglich sind. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) ist gezwungen, eigene „Umgehungsstraßen“ zu bauen, damit ihre Bürger nicht auf den übriggebliebenen Schotterwegen versauern. Damit erleichtert sie zwar den Alltag der Palästinenser, legitimiert aber gleichzeitig die israelische Annexion von Land und Straßen.

Besser wäre es, man würde die PA einfach wieder abschaffen und alle Verantwortung an die israelische Regierung zurück geben. So denken hier einige. Die hat sowieso schon die Kontrolle über fast das ganze Land, sollen sie doch den Rest auch noch haben. Und dann sehen, wie sie damit klarkommen. Ob das wirklich die beste Lösung für die Palästinenser wäre, mag man zu bezweifeln wagen. Aber es zeigt auf jeden Fall deutlich, wie enttäuscht die Menschen von der Unfähigkeit ihrer eigenen Führung sind, das Land zu vereinen und eine Demokratie aufzubauen, die sich die internationale Unterstützung verdient hat. Und für die es sich lohnt, einzustehen und zu kämpfen. Und zwar nicht mit Steinen und Raketen, sondern mit Worten im gemeinsamen Dialog.

Für einen solchen Dialog scheint der Verlauf der Geschichte in den letzten mehr als 2000 Jahren beide Seiten irgendwie unfähig gemacht zu haben. Man wirft sich gegenseitig vor, Land und Eigentum zerstört oder gestohlen zu haben. Man sieht sich jeweils in der Opferrolle und will diese um keinen Preis aufgeben. Man kann dem anderen Mord, Unterdrückung und Vertreibung nicht verzeihen. Man will nicht einsehen, dass vielleicht jeder ein bisschen Mitschuld an der derzeitigen Situation trägt.

Dass Israel zurzeit die deutlich stärkere Position innehat, ist kaum zu übersehen. Die Palästinenser sind militärisch mehr als weit unterlegen und wirtschaftlich völlig abhängig von Israel. Ebenso unstrittig ist jedoch die Tatsache, dass ein Frieden nur erreicht werden kann, wenn beide Seiten bereit sind, aufeinander zuzugehen und die Vergangenheit zu vergessen. Stattdessen dreht sich die Spirale aufgrund neuer Angriffe und Gewalttaten beiderseits immer weiter in den Abgrund. Fast scheint es, als freue man sich über Gründe, den anderen noch mehr hassen zu können. Ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern ist unter diesen Umständen nicht nur innerhalb eines Jahres, wie Obama und Clinton es gerne hätten, sondern generell völlig unvorstellbar.

Samstag, 28. August 2010

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Er ist wieder verhaftet worden.
Nein.
Nein. Nein. Nein.
Nicht schon wieder. Bitte nicht. Nicht noch einmal.

Um viertel vor vier in Nacht. Sind sie in sein Haus gekommen, haben alles verwüstet und ihn mitgenommen. Vor den Augen der Geschwister, der Eltern. Warum sagt niemand. Wohin sagt niemand.

Genau wie letztes Mal.
Das war vor etwa zwei einhalb Jahren. Mitten in der Nacht. Keiner wusste, wohin sie ihn gebracht hatten, nicht mal er selbst. Warum er verhaftet wurde, hat er nie erfahren. Wahrscheinlich hab ich irgendwann mal mit 13 einen Stein gegen einen israelischen Panzer geworfen, sagt er und lacht. Er lacht.

Was kann ein 13-jähriger mit einem Stein schon gegen einen Panzer ausrichten. Trotzdem ist er jetzt ein Staatsfeind. Ein Terrorist. Ein potenzieller Judenmörder.

In der Untersuchungshaft wird er gefoltert. Freunde und Familie dürfen ihn nicht besuchen. Einen Prozess gibt es nicht, nicht mal einen Anwalt. Uns wurden die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden und an einem Seil nach oben gezogen. Die Augen haben sie uns verbunden. So standen wir stundenlang vielleicht auch tagelang nebeneinander in einem Gang. Die Wächter marschierten vor uns auf und ab, wahllos gab es Schläge in die Magengegend oder Tritte in die Genitalien. Wenn die Schritte der Wächter näher kommen wird dir übel, du weißt nie, ob es dich diesmal trifft oder nicht.

Und das war noch nicht das Schlimmste, aber mehr konnte er nicht erzählen. Und nach mehr wollte ich auch nicht fragen.

Folter ist in israelischen Gefängnissen durchaus die Regel. Es gibt Geschichten über ein geheimes Gefängnis im Negev, das keinen Namen hat und von dem niemand, bis auf die israelischen Sicherheitskräfte natürlich, weiß wo genau es liegt. Der Negev ist hellbraun, Wüste. Die Landschaft sieht überall gleich aus und so ist auch das Gefängnis, hellbraun. Alle Zellen sind in der Wüstenfarbe gestrichen. Manche Gefangene wohnen in Zelten, in hellbraunen Zelten. Jemand hat erzählt, dass sie ihre Kleider ausgezogen haben und an die Wände gehangen, um von der Wüstenfarbe nicht verrückt zu werden. Es gibt Zellen, die sind sind nur zwei Quadratmeter groß, die Wände nur 1,50 Meter hoch. Ohne Fenster, ohne Toilette. Zwei Gefangene kommen hier rein, alles was sie haben ist eine Schüssel mit Wasser. Und meistens Ungeziefer.
Wenn sie entlassen werden, sind sie traumatisiert. Wenn sie irgendwo die Wüstenfarbe sehen, drehen sie durch.

Als er nach 6 Monaten entlassen wurde, hatte er sich verändert. Und niemand weiß, wie lange er diesmal weg sein wird, was er diesmal ertragen muss. Manchmal habe ich mich gefragt, wie man noch so lebensfroh sein kann, wenn man so etwas durchgemacht hat, so jung. Aber ich weiß, dass es nur eine Fassade ist.

Er lacht. Das ist das einzige, was ihm geblieben ist.

Donnerstag, 26. August 2010

Einmal Hölle und zurück

Die Landschaft ist erstaunlich grün, ganz im Gegensatz zu den kahlen Bergen der judäischen Wüste, wenn man nach Norden in Richtung Jerusalem oder Ramallah fährt. Die Straße führt vorbei an Weinbergen und Apfelplantagen, die Weintrauben sind schon reif und hängen satt und dunkel an ihren Reben. Die viele Sonne macht die Trauben sicher schön süß. Hier und da stehen ein paar Olivenbäume.

Der schwarze Asphalt glänzt nicht in der Sonne, er ist staubig. Straßenschilder zeigen nach Allon Shevut, Efrata, Gush Etzion, Kiryat Arba. Nach Hebron zeigt keines, obwohl wir dahin unterwegs sind. Wir befahren eine israelische Straße, mitten im Westjordanland. An jeder Ecke stehen Wachtürme des israelischen Militärs.
Hebron ist mit ca. 230.000 Einwohnern die größte Stadt des Westjordanlandes. Ihre historische und religiöse Bedeutung bildet die Grundlage für einen Jahrtausende alten Konflikt, der die Stadt bis heute beherrscht. Sie ist eine der ältesten Städte der Welt, die ständig bewohnt waren. In der Höhle Machpela, mitten in der Stadt, sollen Abraham, Sara, Isaak, Rebecca, Jakob und Lea begraben liegen. Das macht sie zwar zur heiligen Stätte für Muslime und Juden, wurde ihr aber auch gleichzeitig zum Verhängnis. Es ist fraglich, ob hier jemals Frieden wird herrschen können.

der arabische Suq in Hebron
Hebron ist eine lebendige Stadt, voller Geschäfte und Restaurants, Taxen verstopfen die Straßen, Menschen quetschen sich mit tütenweise Einkäufen über die engen Bürgersteige. Es gibt gekühlte Schaufenster mit toten Schafen, Ziegen und Kühen. Teppichläden, Computerzubehör, moderne Einkaufszentren mit kitschigen Kindersachen. Die Märkte bieten alles an, was man sich nur vorstellen kann. Hühner kreischen in winzigen Käfigen, bis sie jemand aussucht und frisch geschlachtet nach Hause in den Kochtopf bringt.

Doch der erste Eindruck trügt. Touristen sieht man hier selten, wir werden angestarrt, als kämen wir geradewegs vom Mars. Die Stimmung ist gedrückt, kein Kindergelächter, keine Musik aus den Läden. Die Menschen hier sind konservativ, außer uns tragen alle Frauen Kopftuch und die meisten lange Mäntel, unter denen man furchtbar schwitzen muss. Außerdem ist Ramadan, Restaurants und Cafes öffnen erst am Abend, nach Sonnenuntergang.
Checkpoint zwischen arabischem Viertel und israelischer Siedlung
Wir kämpfen uns vor, und landen direkt vor einem Checkpoint, mitten in der Stadt. Große Betonblöcke versperren die Straße und in einem Container wird jeder Passant kontrolliert. Wir gehen nicht durch.
Hebron ist eine geteilte Stadt. Zone H1 und Zone H2. Die eine steht unter palästinensischer Kontrolle, die andere unter israelischer. Neben der Siedlung Kiryat Arba, die auf einem ehemaligen Militärstützpunkt gegründet wurde und unmittelbar an Hebron grenzt, leben in der Innenstadt ca. 500 radikale, aggressive Siedler, die von mindestens zehnmal so vielen Soldaten beschützt werden.

Gitter über dem Suq zum Schutz vor Angriffen
Ein Blick nach oben genügt, um den tagtäglichen Kampf zu erkennen, den Palästinenser und Siedler gegeneinander führen. Über dem Suq (Markt) sind Gitter angebracht. Sie schützen Händler und einkaufende Mütter vor dem "Regen" von oben: Müll und schwere Steine liegen auf dem Gitter. Die obersten Etagen der Häuser sind von israelischen Siedlern besetzt und bewohnt, die ihren Dreck aus dem Fenster werfen.
Ein junger Palästinenser, Shadi, nimmt uns mit auf das Dach seines Hauses. Es grenzt direkt an die Häuser von Siedlern. Was wir sehen, ist eine saubere, von Soldaten bewachte Gasse, riesige Wassertanks, Kinderspielzeug. Lässt man den Blick weiter über die Stadt schweifen, kann man an jeder Ecke Wachtürme sehen, auf den Dächern von Häusern oder den leerstehenden Ruinen einer Tankstelle. Die Fenster von Shadis Familie, die zur Siedlung zeigen, sind verbarrikadiert. Als sie kamen, haben sie Tränengas in die Fenster gesprüht, direkt auf die Kinder. Seitdem ist mein kleiner Bruder fast blind, erzählt Shadi. Durch ein anderes Fenster sehen wir eine Müllhalde, die den verkohlten Balkon halb verdeckt. Hier haben sie mehrmals Molotov-Cocktails reingeworfen, zum Glück wurde dabe niemand verletzt. Wir werden auf eine Tasse Tee eingeladen, trotz Ramadan fastet die Familie nicht. Und das mitten in Hebron. Shadi arbeitet als Tourguide, drängt uns seine Dienste aber nicht auf, als wir dankend ablehnen. Auch die von Hand bestickten Tücher und Taschen werden uns zwar angeboten, aber nicht aufgeschwatzt. Ich habe das Gefühl, dass sie sich einfach über die Abwechslung freuen, die neuen Gesichter, das Interesse an ihrem Schicksal. Am Ende werfen wir jeder ein bisschen Kleingeld in die Spendenbox, für die Augenoperation von Shadis Bruder.

Checkpoint am Ende des überdachten Markts
Der "normale" Umgang mit Touristen in Hebron begegnet uns wieder, als wir das Haus der Familie verlassen und uns in Richtung Ibrahimi-Moschee aufmachen. Ein junger Mann hält uns Perlenarmbänder unter die Nase und fragt, warum wir keins kaufen wollen. Wir hätten doch der Familie auch Geld gegeben (woher er das wusste, keine Ahnung). Er wär doch auch so arm dran. Die Siedler hätten seiner Familie den Laden dicht gemacht. Das weiß ich, sage ich, und versuche zügig weiterzugehen. Aber er lässt sich nicht abschütteln. Wieviel wir denn der Familie gegeben hätten, will er wissen. Khalas, sage ich, das geht dich nichts an. Wir wollen keine Armbänder. Und wir sind keine reichen Touristen, die alle eure Probleme lösen können. Er ist beleidigt und schimpft, schreit uns an und läuft uns fast den ganzen Weg hinterher. Selbst als wir den überdachten alten Suq erreichen, gestikuliert er wild herum und ruft uns nach. Im Suq gibt es mehr Stände, als ich in Erinnerung habe. Es ist richtig eng und jeder preist uns seine Waren an. Hello, hello, where are you from? Look at my shop, look, look. Wir antworten nicht und schieben uns weiter vor, bis wir den Checkpoint erreichen. Mehrere Gitterdrehtüren und zwei Soldaten liegen noch zwischen uns und der Moschee. Weil man uns ansieht, dass wir Touristen sind, werden wir noch nicht einmal nach unseren Pässen gefragt.

Ibrahimi-Moschee aus nördlicher Sicht
Das Bauwerk über der Höhle Machpela, dem Grab der Patriarchen, wird heute von den hohen Mauern, die aus der Zeit von Herodes stammen (wie die Überreste der Klagemauer in Jerusalem), und den beiden Minaretten bestimmt. Das ursprüngliche Bauwerk wurde nach und nach ergänzt, sodass sowohl Juden, als auch Christen und Muslime eigene Gebetsräume erhielten. Unter der Herrschaft der Mamelukken wurde ab 1266/67 allen nicht-Muslimen der Zugang zu den heiligen Stätten untersagt. Erst während des Sechstagekriegs und der israelischen Besatzung des Westjordanlands 1967 konnte das Heiligtum Juden wieder zugänglich gemacht werden. Für sie wurde im nördlichen Teil des Gebäudes eine Synagoge eingerichtet, während die Muslime weiterhin die gotische Kreuzfahrerkirche im Süden als Moschee nutzen. Da die Stätte für Juden und Muslime gleichermaßen heilig ist, wurde sie Zeuge mehrerer Massaker, 1929 kamen bei Ausschreitungen 67 Juden ums Leben, 1994 ermordete der radikale Siedler Baruch Goldstein 29 Muslime beim Beten in der Ibrahimi-Moschee. Heute überblickt der Wachturm auf einem Anbau des Machpela-Komplexes die Umgebung, die Eingänge sind überwacht und man wird streng nach Waffen durchsucht.
ehemalige Haupt-Geschäftsstraße Hebrons
Wir wollen uns auch die Siedlung näher anschauen und müssen dazu durch die Shuhada, die frühere Haupt-Geschäftsstraße Hebrons. Heute ist sie ausgestorben, wie eine Geisterstadt. Wo früher arabische Läden und Stände waren, sind verrostete, hellblaue Türen mit Davidsternen aus Sprühdosen beschmiert. Palästinenser mussten aufgrund der israelischen Siedler, Soldaten und Polizisten insgesamt 1014 Wohnungen und 1829 Geschäfte und Betriebe im Stadtzentrum räumen (Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem). An einer zerschossenen, halb verfallenen Tankstelle lehnt ein Schild:
 "Diese Gebäude wurden auf Land errichtet, das die Jüdische Gemeinschaft von Hebron 1807 erworben hat. Dieses Land wurde infolge des Mordes an 67 Juden aus Hebron 1929 von Arabern gestohlen. Wir wollen Gerechtigkeit! Gebt uns unser Eigentum zurück!" Hier in Hebron wird Mord mit Mord vergolten, und gestohlenes Land mit dem Stehlen von Land. Schon seit tausenden von Jahren.


Hier zu leben muss die Hölle sein. Ich bin froh, als der Bus uns wieder raus bringt, vorbei an den Überresten einer Straßenblockade, vorbei an den roten Dächern und Strommasten der umliegenden Siedlungen und zurück nach Bethlehem. Wo man wenigstens wieder frei atmen kann.

Sonntag, 22. August 2010

Bidna Watan

Wir treffen uns vor dem Intercontinental, eins von Bethlehems Luxushotels. Dann biegen wir um eine Ecke und haben das Kontrastprogramm: Das Aida-Flüchtlingslager. An einer Mauer steht 'Welcome to Aida Camp' auf englisch und arabisch. Ein paar Schritte weiter kommt der offizielle Eingang, ein großes rotes Tor in Form eines Türschlosses mit einem Schlüssel darüber.
Der Eingang zum Aida Flüchtlingslager
Der Schlüssel ist das Symbol der Rückkehr in die Heimat geworden. Die meisten Familien haben noch die Schlüssel zu ihren alten Häusern, aus denen sie während des israelisch-arabischen Kriegs und der Staatsgründung Israels 1948 vertrieben wurden. Viele Häuser gibt es sicher schon längst nicht mehr, sie wurden zerstört um für moderne israelische Wohnsiedlungen Platz zu schaffen. Andere sind längst von Israelis bewohnt. Wahrhaben will das hier niemand, die Hoffnung darauf, irgendwann an den Heimatort zurückkehren zu können, wird nie sterben. Von den Flüchtlingen kann sich niemand so recht vorstellen, wie es in dieser Heimat heute aussehen mag. Sie haben keine Möglichkeit, dorthin zu fahren, noch nicht einmal, um evtl. zurückgebliebene Verwandte zu besuchen. In ihren Träumen sieht alles noch so aus wie früher, in ihren Träumen existieren die Häuser noch, die Kirchen und Moscheen, die Gärten, die Felder, die Olivenhaine. Die Kinder tragen diese Träume weiter, bewahren die Erinnerung. Eine Erinnerung an Orte, an denen sie selbst nie gewesen sind und die doch immer ihre Heimat sein werden. Auf dem Rückweg kommen wir an einer langen Mauer vorbei, auf der Bilder mit Ortsnamen gemalt sind. Hier sind alle Heimatorte zu finden, aus denen die Flüchtlinge ursprünlich kamen. Die meisten sind Dörfer im Westen Jerusalems und Hebrons. Alle nur wenige Kilometer von Bethlehem entfernt und doch unerreichbar.
Die Häuser im Camp sind sehr einfach, oft ohne Außenverkleidung, ohne Putz. An vielen Stellen wird angebaut, jede Niesche ist bewohnt. Auf 0,71 Quadratkilometern leben über 4700 Menschen. Trotz der Überbevölkerung und des fehlenden Abwassersystems kommt uns das Lager relativ sauber vor, von dem Kuhstallgeruch in einigen der Gassen einmal abgesehen. Es herrscht ein reges Treiben, Kinder laufen uns entgegen und hinterher. "Hello, hello, welcome!" rufen sie. Sie posieren und setzen ihr schönstes Lächeln auf, als sie sehen, dass wir Fotos machen. Überall vor den Häusern und in Innenhöfen sitzen junge und alte Männer. Sie nicken freundlich als wir vorbeigehen, trotzdem kann man ihnen die Traurigkeit und die Hilflosigkeit über ihre Situation in den Augen ansehen. 43% der Flüchtlinge sind arbeitslos, sie fühlen sich als Fremde im eigenen Land.
Heute laufen überall im Camp kleine Rinnsale durch die Straßen. Pumpen summen leise. Es wird Wasser nachgefüllt. Kinder haben an einer Stelle ein Leck entdeckt und versuchen, das Wasser mit Flaschen aufzufangen. Fließendes Wasser ist hier sehr wertvoll, und keine Selbstverständlichkeit. Bei der Zuteilung von Wasser durch das zuständige Ministerium wird ganz Bethlehem im Sommer unterversorgt, in den Flüchtlingslagern ist das jedoch am deutlichsten zu spüren. Das Camp ist nicht sehr groß, jeder kennt jeden, und in der Not hilft man sich gegenseitig. Mehr wird das Wasser dadurch aber auch nicht.

An manchen Stellen sind noch Spuren der zweiten Intifada zu erkennen. Der Frust über die gescheiterten Oslo-Verträge war groß. Die hatten zwar zunächst durch Israels Anerkennung der PLO und die Einrichtung der Palästinensischen Autonomiebehörde Anfang der 90er für eine Entspannung des Konflikts gesorgt, aber bald schon wurde deutlich, dass sich die Situation der Palästinenser nicht wirklich verbesserte.
Das Zünglein an der Waage, das die gewaltsamen Ausschreitungen auslöste, war der Besuch des israelischen Politikers Ariel Scharon auf dem arabisch kontrollierten Tempelberg, der als Affront und Provokation aufgenommen wurde. Israel reagierte auf die Aufstände mit Polizei- und Militärgewalt, es folgten zahllose Selbstmordattentate in Israel und geziehlte Tötungen von palästinensischen Kämpfern von Hamas, Fatah und der linken PFLP. Am schlimmsten traf es das Flüchtlingslager Jenin 2002, als beim Einmarsch israelischer Truppen viele Hamaskämpfer, Zivilisten und Soldaten getötet und Häuser zerstört wurden. Auch in Bethlehem war die weit überlegene Militärmacht Israels zu spüren. 39 Tage lang belagerte sie 2002 die Geburtskirche, in der sich palästinensische Verdächtige verschanzt hatten. Insgesamt fielen der zweiten Intifada bis zu ihrer Beendigung im Jahr 2005 durch ein Waffenstillstandsabkommen 1036 Israelis und 3592 Palästinenser zum Opfer.
Über das Wochenende fand an der Uni Bethlehem das vierte "Right of Return International Cultural Festival" statt. Tanzgruppen, Kindertheater und Musikgruppen treten auf. "Bidna Watan" heißt eines ihrer Lieder. Wir wollen ein Land.