Samstag, 31. Juli 2010

Schmelztigel der Kulturen

Auf dem Weg zur Altstadt komme ich an den Flohmarkt-artigen Straßenständen vorbei, die mir mittlerweile schon so vertraut geworden sind. Töpfe in allen Größen und Formen, Plastikbecher, Comics, Schokonikoläuse und -osterhasen, Zigaretten, Kopftücher, Klopapier, Kinderspielzeug, Handys, alles. Und Obst natürlich: Mangos, Kaktusfeigen, Melonen, Äpfel, alles. Nur Erdbeeren nicht, die sind erst im Dezember reif. An den Schokonikoläusen, die in der Sonne so viel schneller dahinschmelzen als dass Weihnachten auch nur in Sichtweite käme, gehe ich genauso vorüber wie an dem süßen Duft der vollreifen Früchte. Die Pfiffe wegen meiner blonden Haare höre ich schon gar nicht mehr, auch die Marktschreier mit ihren 10 Schekel für ein Kilo was-auch-immer schreien durch mich hindurch. Am Anfang, ganz am Anfang, als ich das erste Mal hier war, kam mir alles so laut und so fremd vor, so schmutzig und so aufdringlich (den europäischen „Sicherheitsabstand“ zu fremden Menschen gibt es hier nicht). Das alles ist es immer noch, aber es stört nicht mehr, es gehört dazu. Man lernt sehr schnell zu ignorieren. Die Pfiffe ebenso wie den Gestank von verbranntem Müll.
Jerusalemer Altstadt, innerhalb des Damaskustors

Und dann ist es schön. Die alte Stadtmauer und die Jerusalemer Häuser aus großen Blöcken des weißen Meleke-Kalksteins strahlen in der Sonne und das bunte Treiben in den engen Gassen versprüht Lebensfreude. Auf den Stufen vor dem Damaskustor haben junge Männer unzählige Paare Schuhe ausgebreitet und preisen sie jedem an, der die Treppen hinunter oder herauf eilt. Wahrscheinlich sind die Hälfte der Schuhe Markenfälschungen, aber so oder so habe ich noch nie gesehen, dass auch nur ein einziges Paar verkauft worden wäre. Unten am Eingang ist es eng, der Brotstand neben den Kinderschuhen, daneben die Handys und schon ist man drin. Mittendrin. Es riecht nach Obst und frischen Kräutern, das wilde Geplapper von Händlern und Kunden und genervten Müttern versucht viel zu laute Klingeltöne und arabische Gesänge aus viel zu vielen Radios zu übertönen. Ein alter Mann mit einer riesigen Messingkanne auf den Rücken geschnallt verkauft arabischen Kaffee in Wegwerf-Bechern.

Vor mir teilt sich der Platz in die beiden Haupt-Markt-Gassen der Altstadt. Die linke führt auf die Via Dolorosa und weiter zum Tempelberg mit der Klagemauer und dem Felsendom, die rechte zur Grabeskirche. Heute entscheide ich mich für die rechte und stelle mich auf ein Gedränge und Gequetsche durch Touristenmassen ein. Doch das bleibt heute aus. An den Tür an Tür aufgereihten überdachten Ständen und Geschäften vorbei bahne ich mir meinen Weg. Gewürze brauche ich heute nicht, auch keine halbe Kuh oder Plüschpantoffeln. Oder pink-lila gemusterte Spitzen-BHs. Die Straße, die rechts abbiegt und zur Grabeskirche führt, verpasse ich. Die Kühle im Innern der uralten Gemäuer bleibt mir also verwehrt. Zwischen Tüchern und bunten Teppichen finde ich einen Falafelstand und gönne mir anschließend noch ein Eis, das ich wegen der Hitze sehr schnell essen muss. Dabei biege ich irgendwo falsch ab und finde mich im armenischen Viertel wieder. Das ist wie immer völlig ausgestorben, manchmal frage ich mich, ob hier überhaupt Menschen wohnen. Ein paar kleine Straßengeschäfte gibt es, ein Restaurant in einer Kellertaverne. Ich entdecke ein paar Sommerhüte und suche mir einen schönen weißen aus.

Jüdische Männer mit ihren Gebetstüchern
Die Sonne brennt und die Hitze in diesem Schmelztiegel der Kulturen – im wahrsten Sinne des Wortes – wird fast unerträglich. Ich flüchte durch das Jaffa-Tor hinaus außerhalb der Altstadt und lehne mich halb erschöpft an die Mauer. Der Schatten der Palmen und Johannisbrotbäume tut gut und hin und wieder erhasche ich sogar einen kleinen Windhauch. Heute ist Shabat und ich kann wieder Scharen von orthodoxen Juden beobachten, die innerhalb ihrer Familienclans vom Gebet in der Synagoge nach Hause eilen. Die meisten von ihnen haben es immer eilig und die meisten von ihnen schieben mindestens einen Kinderwagen vor sich her. Einige Männer haben weiße Gebetstücher mit blauen Streifen über Kopf und Schultern gelegt, die langen Zotteln an den Rändern der Tücher hängen seitlich runter und verzwirbeln sich im Wind. Die Frauen tragen Knielange schwarze oder graue Röcke und locker um Haar geschlungene Kopftücher, die im Nacken zusammen gebunden sind. Die meisten Männer tragen schwarze Anzüge und Krawatte, Schläfenlocken und Zylinder sehe ich heute nur ganz selten.

Irgendwann beschließe ich, auf eine eiskalte Limetten-Minz-Limonade in mein Lieblingscafé überzusiedeln. Der Weg ist zum Glück nicht weit, trotzdem lockt mich die Hitze erneut aus der Reserve. Der Wetterbericht sagt mir 41°C im Schatten an. Solche Temperaturen hatte ich zwar erwartet, die nur 25°C bei der Landung in Tel Aviv vorgestern Nacht hatten mich überrascht. Trotzdem hoffe ich, dass es in Bethlehem noch ein wenig angenehmer sein wird. Sonst werden die kommenden zwei Monate doch äußerst anstrengend...

2 Kommentare:

  1. Du solltest ein Buch schreiben ^^ - aber mit Bildern!

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  2. Ich finde, Bilder braucht man gar nicht!

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